5 Minuten - Kolumne für den Internet-Pendler
„Von der Stirne heiss rinnen muss der Schweiss“
„Wenn gute Reden sie begleiten, dann fliesst die Arbeit munter fort“
„Errötend folgt er ihren Spuren“
„Drum prüfe, wer sich ewig bindet“
„Wehe, wenn sie losgelassen“
Liebe Leserin, lieber Leser,
wissen Sie, wer dies geschrieben hat?
Sicher haben Sie den einen oder anderen Ausspruch auch schon gehört oder Sie führen ihn sogar in Ihrem Repertoire, ist doch einiges davon im allgemeinen Sprachbereich anzutreffen.
Es stammt alles vom gleichen Dichter, nähmlich von Friedrich Schiller, und es sind Passagen aus seinem langen, sehr sehr langen Gedicht „Das Lied von der Glocke“.
Die Ballade entstand ums Jahr 1800 herum und löste nach ihrem Erscheinen grosse Diskussionen aus. Auf der einen Seite wurde sie von damaligen Meinungsführern gelobt, von anderen abgelehnt, parodiert oder sogar verspottet.
Wenn Sie einmal „Zeit haben“ gehen Sie zu Google, und geniessen Sie – wieder einmal? – das ganze Gedicht und staunen Sie beim Lesen der Kommentare über die Auswirkungen, die dieses Werk in der damaligen Zeit hatte und auch bis heute hat.
Können uns diese Worte auch heute noch etwas sagen?
„Von der Stirne heiss“ – so sagte man damals. Heute tönt es etwa „Ohne Schweiss kein Preis“ - wobei viele eher an sportliche Betätigungen und nicht unbedingt an Arbeit denken.
„Wenn gute Reden sie begleiten, dann fliesst die Arbeit munter fort“. In heutiger Sprache könnte man sagen: Gute Entlöhnung allein ist nicht die einzige Motivationsquelle.
„Errötend folgt er ihren Spuren“ – wer errötet denn heute überhaupt noch, das ist doch nicht „in“ – oder etwa doch?
„Drum prüfe, wer sich ewig bindet“ Da müsste man sich einmal über die jetzt geltende Definition des Begriffes „ewig“ einig werden... (Aber wahrscheinlich war schon zu Schillers Zeit „ewig“ nicht „ewig“).
„Wehe, wenn sie losgelassen“
Schiller meinte damit das Feuer und umschrieb es mit der „freien Tochter der Natur“. Heute könnte man selbstverständlich ebenfalls an Brände denken, aber der Ausspruch wäre auch bei der Charakterisierung des geballten „Ausbruchs“ der gesamten Medien-Meute nach einem
boulevardesk hochstilisierbaren Ereignis durchaus am Platz.
Das Gedicht enthält für den aufmerksamen Leser noch weitere Feinheiten und – aus aktuellem Anlass – ist auch der Name, den Schiller der Glocke gab, von besonderem Interesse: „Concordia soll ihr Name sein“.
Concordia als Name eines Kreuzfahrtschiffes mit dem traurigen Ende einer Reise und – machen wir einen Sprung zurück zu den letzten Bundesratswahlen: Die endlosen Diskussionen über die Konkordanz und die den jeweiligen Zielen angepasste Eigen-Definition dieses Begriffes.
Wer denkt da noch daran, dass im Kern des Wortes eigentlich „Herz“ steckt? Das war bei Schiller bei der Namenswahl bestimmt das dominierende Element.
Sie können mit so „antiken“ Gedichten nichts anfangen? Dann haben wir für Sie etwas aus der heutigen Zeit auf Lager. Hier ist es:
Du regnetest. Ich kroch in ein altes Buch.
Der Scheibenwischer wehte davon. Die Welt
war immer noch der schwarze Quader
um mich aus Stimmen gepresst der Backstein.
Ich las ja nicht. Ich wurde gelesen. Du
rannst schön an mir herunter. Wir starben nicht. Als ich mich in den Seiten löste
gab es dich wieder. Erinnerungen.
Mein Opa kannte Wörter wie Synthesis.
Es ist nicht wahr. Er drückte den Kinderkopf
mit Fingern die mit dem Wort Finger ich zu bezeichnen von ihm gelernt hab.
Du regnest nicht mehr. Bö, ich verstecke mich. Schlaf du mich, Boa. Schupp mir die Worthaut ab. Es ist nichts drunter. Das Wort Wunde schluckt das Wort Wunder. Da. Vogelscheisse.
Es handelt sich hier um eine Textprobe aus „Holder die Polder“: asklepiadeisch die sechste von Urs Allemann.
Da ich selbst dazu nur sagen kann, dass ich mich um getreuliche Abschrift bemüht habe – es war nicht einfach - lasse ich zur fachkundigen Beurteilung einen Spezialisten zu Wort kommen:
Philipp Gut, im „Tages Anzeiger“:
„Urs Allemann erweist sich in „Holder die Polder“ als Sprachzauberer, als zungenfertiger Mixer, der einen aufregenden lyrischen Cocktail präsentiert. Es gelingt dem jüngsten Spross der zweitausend-siebenhundertjährigen Odendichterfamilie, aus der Fusion des Disparaten, aus alten und neuen Formen, aus Griechentum und Gegenwart, aus Leier und Laptop einen eigenständigen, starken Sound zu kreieren. Chapeau, monsieur le poéte!“
Nochmals, mein einziger Beitrag und Kommentar: Ich verbürge mich für getreuliche Abschrift.
(Fast hätte ich es vergessen: Ich habe Urs Allemann in einem Kurs für kreatives Schreiben persönlich kennengelernt – hoffentlich merken Sie, liebe Internet-Pendler, ein bisschen etwas davon - und erlebt, dass er ausgezeichnet Texte vortragen kann, mit angenehmer Stimme und deutlicher Aussprache.)
Und, übrigens: Im Internet nachzuschauen, was unter Urs Allemann, seine Werke und seine Auszeichnungen, geschrieben steht, ist annähernd so spannend wie die Kommentare über Schillers Glocke.
Nun kann ich Ihnen nur noch eines mit auf den Weg geben: Seien Sie froh, dass Sie jetzt nicht noch ein Gedicht von mir lesen müssen!
Schreiben Sie mir, bitte, welches Ihr liebstes Gedicht ist – es muss nicht unbedingt Literatur sein; ich habe schon Kulinarisches genossen, das man auch als „Gedicht“ bezeichnet hat...
Mit den besten Grüssen
Carlo Werlen